Christuswege

Haupttext Teil 1, Die Schritte in den Evangelien;
Kapitel :

Die Dornenkrönung und die Abschiedsreden.

Da die Geißelung eine bei den Römern gebräuchliche Mindest-Strafmaßnahme war, tritt hier die Deutung dieses Begriffs im Sinne vorchristlicher Mysterienkulte in den Hintergrund. Die Dornenkrönung - Joh. 19, 2-3, ein darauffolgender Begriff aus diesen Mysterien, ist hingegen nicht Bestandteil des normalen römischen Repertoires. Sicherlich ist es als Ironie erkennbar: Dornen statt Gold. Dennoch bleibt die Frage, wie es zustande kommt, daß die Soldaten so exakt an Mysterientraditionen anknüpfen, selbst wenn ihnen das in dem Augenblick nicht bewusst gewesen sein mag. Selbst wenn sie – viele römische Soldaten waren Anhänger solcher Kulte – sich der äußeren Ähnlichkeit bewusst gewesen wären, hätten sie allerdings Christus nicht auf die ihnen bekannte Erlebensart reduzieren können.

Während die goldene Krone Symbol äußerer Herrschaft gewesen wäre – nicht notwendigerweise negativ verstanden – , war die Dornenkrone bei Christus ein Symbol einer Art von Meisterschaft, die in der Welt nichts galt. Dabei stachen die Dornen in den Kopf. Auch hier ist nicht nur Schmerz zu suchen, sondern eine Kraft, alles gedankliche Verzagen zu überwinden, von dem Christus hier keine Anzeichen zeigt. Sie finden sich nur in dem Moment, bevor er sich endgültig entschieden hatte, den „Kelch" nicht an sich vorübergehen lassen zu wollen. Mit Geißelung und Dornenkrönung finden wir etwas angedeutet, was insofern die Fußwaschung fortsetzt; auch das Fühlen und die Erkenntnis – allen Widerständen trotzend – erscheinen eher „geheiligt".

Die angesprochene stetige Tendenz in dem Geschehen, über sich selbst hinauszuwachsen, hat als Kraft auch einen Bezug zu neuen Bewegungen, wie Friedensbewegung, ökologische Bewegung, spirituelle Bestrebungen, die „die Erde heilen" wollen.*

Wie schon bei der „Geißelung" handelt es sich auch bei der „Dornenkrönung" um eine Reaktion, um einen Abklatsch dessen, was bereits vorher eigentlich vorgegangen war. Dieser eigentliche Punkt, wo vom Positiven her jene geistige Öffnung, über sich hinauszuwachsen zum Ausdruck kommt, liegt in den „Abschiedsreden" Jesu *, z.B. Joh. 13,31 - 17, und in den Begegnungen mit Pilatus, z.B. Joh. 19,5* (*"Seht, Der Mensch", was sich meditativ wie ein Erahnen des Jesus Christus als Urbild erlöster Menschen zeigen kann.) Nicht nur die Fußwaschung und das Abendmahl als Solches, auch die Worte Jesu waren zugleich Taten.

Es könnte diesen Erkenntnissen entsprechend sinnvoll sein, wo heute von „christlichen Einweihungen oder Entwicklungsschritten" die Rede ist, die positiven Grundlagen ausschlaggebender zu berücksichtigen.

*Extrafenster: Bibelstellen

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